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24.07.2009 - Gefahr lauert auf der Weide
Im Herbst und Winter kommt es plötzlich vor, dass auf der Weide
gehaltene Pferde und Ponys einen mysteriösenTod erleiden. Tiere
jeden Alters und jeder Rasse können von der Atypischen
Weidemyopathie (auch Weidemyoglobinurie genannt) betroffen sein -
eine dramatische Muskelerkrankung, bei der die Behandlung nur in
Einzelfällen gelingt. Die Forschung ist der Ursache womöglich auf
der Spur.
Die
Atypische Myopathie (griechisch: Muskelleiden) ist mittlerweile eine in
ganz Westeuropa weitverbreitete Erkrankung der Weidepferde. Sie tritt
vorwiegend im Herbst auf, vereinzelt im Frühjahr, aber nicht im Sommer.
Die Erkrankung wird als «atypisch» bezeichnet, weil nicht körperliche
Belastung als auslösender Faktor auftritt, sondern besondere klimatische
Bedingungen. Die gesamte Muskulatur, einschliesslich der Kau- und
Herzmuskeln, wird dabei zerstört. Die Pferde - ihr Körper besteht zu 40
bis 55 Prozent aus Muskulatur - zeigen einen schwankenden Gang,
Muskelzittern, Steifheit, Apathie, Koliksymptome, erhöhte Atem- und
Herzfrequenz, Absatz von dunklem Urin und kommen meist rasch zum
Festliegen. Trotz ihres schlechten Allgemeinzustands zeigen die Pferde
normalen Appetit, können jedoch meist nicht mehr kauen und schlucken.
Die Sterblichkeitsrate ist mit 90 bis 95 Prozent extrem hoch, und die
nicht ansteckende Erkrankung nimmt einen raschen Verlauf. Sogar bei
häufiger Kontrolle der Weide werden die Pferde oftmals bereits tot oder
sterbend aufgefunden.Schon im früheren letzten Jahrhundert gab es bei Weidepferden Muskelerkrankungen unbekannter Ursache. Seit den Achtzigerjahren sind immer wieder Ausbrüche aufgetreten, was zu schmerzlichen Verlusten bei den Pferdebesitzern geführt hat. Es gab Jahre ohne Krankheitsfälle, dann wieder Jahre, wo die Weidemyopathie gehäuft auftrat. Es erkranken Pferde plötzlich, auch wenn sie schon jahrelang am selben Ort grasen. Betroffen sind oft jüngere, untrainierte, gesunde Tiere, meist mehrere, aber nicht zwingend alle des selben Bestands, die stunden- oder tageweise auf der Weide gehalten werden. Gemeinsam ist ihrem Schicksal dies: Alle bekannt gewordenen Fälle traten jeweils in der kalten Jahreszeit auf, zudem nach einem Wetterumschwung mit Kälteeinbruch, was Stress für die Pflanzen bedeutet. In vielen Ställen wird im Herbst die Weidesaison für Pferde beendet. Der Gefahr, an Atypischer Myopathie zu erkranken sind deshalb Tiere ausgesetzt, die ganzjährigen Weidegang geniessen.
Der Ursache auf der Spur
Der Grund für die Erkrankung ist noch weitgehend ungeklärt. Trotz
klinischer, labordiagnostischer, pathologisch-anatomischer,
histologischer, mikrobiologischer, toxikologischer und
vegetationskundlicher Untersuchungen konnte die genaue Ursache
bislang nicht abschliessend bestimmt werden. Als mögliche Auslöser
werden pflanzliche Toxine, Bakterien oder Pilzgifte vermutet, die
bei bestimmten Witterungsbedingungen gefährlich werden. Vor allem
waren eher schattige, feuchte, nicht oder wenig gedüngte Grünflächen
betroffen, die langjährig als Pferdeweiden genutzt worden sind.
Weiden, auf denen die Atypische Myopathie aufgetreten ist, sollten
für Pferde sofort gesperrt werden.
Eine Studie der Veterinärin Lucia Unger von der Pferdeklinik am Tierspital Bern stützt die Hypothese, dass das toxische Bodenbakterium Clostridium sordellii bei der Auslösung der Krankheit eine Rolle spielt. Weidepferde können mit diesem Bodenbakterium einfach in Kontakt kommen. Die Tierärztin hat ihre Untersuchungen bei der 4. Jahrestagung des Netzwerks Pferdeforschung Schweiz in Avenches VD einem breiten Publikum vorgestellt. Bei Untersuchungen in der Berner Pferdeklinik wurde das Bakterium in Proben von Magen und Darm bei über 50 Prozent der an Atypischer Myopathie erkrankten und verstorbenen Pferde gefunden. Hingegen konnte es bei keinem einzigen gesunden Pferd nachgewiesen werden. «Auch konnten wir mit unseren Tests erklären, dass das Toxin den Muskel über die Blutgefässe erreicht und der Pferdekörper bei Verabreichung von Letaltoxin-Serum Antikörper bildet.»
Hoffnung auf Impfstoff
Für die Zukunft bedeutet dies, dass mit weiteren Forschungsarbeiten
hoffentlich bald die Entwicklung eines Impfstoffs gegen die
Atypische Weidemyopathie möglich wird, was viel Leid bei Mensch und
Pferd ersparen würde. Noch ist aber keine Schutzimpfung vorhanden.
Und die gezielte Vorbeugung beschränkt sich auf die Vermeidung der
auslösenden Umstände. Es macht Sinn, im Winterhalbjahr die Pferde
über Nacht aufzustallen und ihnen auf der Weide in einer überdachten
Raufe reichlich gutes Heu zuzufüttern. Sorgfältige Weidehygiene und
die Verabreichung eines guten Mineralfutters sollten
selbstverständlich sein.
Tierwelt, Nr. 30, 2009
Da die Ursache nicht genau bekannt ist, ist nur eine rein symptomatische - und daher wenig effektive - Therapie möglich. Je früher die Erkrankung bemerkt wird, desto aussichtsreicher sind die Überlebenschancen des Pferdes. Wenn möglich sollen erkrankte Pferde in einen trockenen, warmen Stall mit tiefer Einstreu gebracht und eingedeckt werden. Ein Tierarzt sollte schnellstens beigezogen werden, der die Diagnose stellen kann aufgrund des klinischen Bilds und einer Blutuntersuchung, wobei die Muskelenzymwerte um ein Vielfaches erhöht sind. Im Labor können bei Gewebeproben starke Muskelschädigungen festgestellt werden. Die quer gestreifte Muskulatur zerfällt regelrecht. Im Vordergrund stehen Massnahmen zur Verbesserung der Durchblutung der Muskulatur, die Unterstützung der Nierenfunktion sowie die Verabreichung entzündungshemmender Medikamente. Trotz des immer wieder unvermittelten Auftretens der dramatischen Erkrankung ist Panik fehl am Platz. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz der robust gehaltenen Pferde wird von der Atypischen Weidemyopathie betroffen. Pferde in reiner Boxenhaltung sind insgesamt einem grösseren Risiko ausgesetzt, ihr Leben durch haltungsbedingte Krankheiten wie Kolik und Dämpfigkeit zu verlieren. Ruth Müller |
Die Tierärztekammer und der Pferdesportverband informieren:
Die atypische Weidemyopathie des Pferdes
Um was für eine Erkrankung handelt es sich? Die atypische Weidemyopathie ist
eine Muskelerkrankung der Pferde, die sporadisch auftritt und ausschließlich
Weidepferde betrifft. Auslöser scheinen besondere klimatische Bedingungen zu
sein, da alle bisher bekannt gewordenen Fälle nach plötzlichen Kälteeinbrüchen
im Herbst oder Winter aufgetreten sind. Die Erkrankung wurde in Deutschland
erstmals im Herbst 1995 festgestellt. Auffällig war das gehäufte Auftreten im
norddeutschen Raum. Die Erkrankung ist nicht von Pferd zu Pferd übertragbar. Sie
hat also keinen seuchenhaften Charakter.
Wie kann die Erkrankung erkannt werden?
Es können Pferde jeden Alters und jeder Rasse betroffen sein, allerdings nur,
wenn sie im Herbst/Winter auf der Weide gehalten werden. Die Erkrankung tritt
plötzlich auf und zeigt einen raschen Verlauf. Die Sterblichkeit ist hoch (90 –
95 %). Plötzliche Schweißausbrüche, Steifheit, Muskelzittern, schwankender Gang
und der Absatz von dunkel verfärbtem Harn sind charakteristische Anzeichen. Die
Pferde wirken matt oder apathisch und haben erhöhte Puls- und Atemfrequenzen.
Innerhalb von ein bis drei Tagen kommen die Tiere zum Festliegen und zeigen
möglicherweise Streckkrämpfe und Ruderbewegungen, die mit einer Kolik
verwechselt werden können. Der Tierarzt stellt die Diagnose aufgrund des
klinischen Bildes und einer Blutuntersuchung.
Was ist die Ursache?
Das Auftreten der Erkrankung nach einem Kälteeinbruch ist allen bisher beschriebenen Fällen gemeinsam. Ein Toxin (giftige Substanz), welches durch Kälte in Pflanzen oder dort angesiedelten Mikroorganismen produziert oder freigesetzt wird, konnte bisher nicht sicher nachgewiesen werden. Es handelt sich möglicherweise um ein multifaktorielles Krankheitsgeschehen, bei dessen Entstehung das Wetter und der Jahresklimaverlauf eine erhebliche Rolle spielen dürften.
Wie kann die Erkrankung behandelt werden?
Da die Ursache der Erkrankung nicht bekannt ist, können nur die Symptome behandelt werden. Dabei stehen Maßnahmen zur Verbesserung der Durchblutung der Muskulatur, Verabreichung von entzündungshemmenden Medikamenten und die Unterstützung der Nierenfunktion im Vordergrund. Erkrankte Pferde sollten – wenn möglich – an einen warmen, trockenen Ort verbracht werden. Längere Transporte sind jedoch zu vermeiden. Eine Heilung ist nur in vereinzelten Fällen möglich.
Was kann vorbeugend getan werden?
1. Nächtliches Verbringen der Pferde in den Stall.
2. Weidepferden sollte im Herbst/Winter ausreichend trockenes Heu zugefüttert
werden (überdachte Futterraufe).
3. Weidepferde sollten trockene Unterstände zur Verfügung haben
4. Weidehygiene: Kontrolle u. Beseitigung von Schädlingspflanzen.
5. Weiden, auf denen Pferde erkrankten, sollten langfristig gesperrt werden.
6. Zufütterung eines guten vitaminisierten Mineralfutters (insbesondere Vit. E /
Selen).
Quellen:
Brandt,K. et al. : Atypische Myoglobinurie der Weidepferde.
Pferdeheilkunde 13, 27 – 34 (1997).
Gehlen,H. et al.: Zur aktuellen Problematik der atypischen
Weidemyopathie des Pferdes.
Der Praktische Tierarzt 86, 178 – 183 (2005).